And-I-Love-Her

Karl Leitner / Donaukurier

And I Love Her – Marc Copland Trio

Der Mann, der da im Birdland am Bösendorfer-Flügel sitzt, ist in höchstem Maße konzentriert. Wie angespannt er ist, kann man an seiner Haltung und an seinem Gesichtsausdruck ablesen. Alle im nahezu ausverkauften Saal halten den Atem an, kein Räuspern, kein Stühlerücken ist zu hören. Denn wenn Marc Copland auftritt, ist alles anders. Auch im Birdland, dem Ort, an dem wahrlich schon viele Weltstars des Jazz zu Gast waren und mit ihnen außerordentliche Musik.

Und dann beginnt er zu spielen. Mit geschlossenen Augen. Behutsam und bedächtig wagt er sich hinein in das erste Stück. Es handelt sich um „Afro Blue“ aus der Feder Mongo Santamaria’s mit dieser wunderschönen Melodie, die Copland aber nur kurz anreißt, die im weiteren Verlauf zwar immer wieder irrlichternd durch den Raum geistert, jedes mal jedoch abgewandelt und in modifizierter Form. Man kann sie zwar greifen, aber nie lange festhalten.

Copeland ist ein Lyriker, ein Feingeist am Flügel, ein Spieler, kein Planer, kein Stratege. Er folgt seiner Eingebung, ist physisch und psychisch ungemein präsent, seine Befindlichkeit fließt ungefiltert über die Tasten in den Raum. Und er reagiert auf das, was um ihn herum passiert. Nicht umsonst bedankt er sich am Ende des Konzerts ausdrücklich für sie Stille, für die Bereitschaft auf Seiten des Publikums, sich mit ihm zu versenken in diese Musik, die im Laufe des Abends immer mehr wie von einem anderen Stern zu kommen scheint. Bevor er sich jedoch mit einer hinreißenden Zugabe in Form einer Improvisation über den Beatles-Klassiker „And I Love Her“ verabschiedet, darf man ihn zuerst noch in Herbie Hancock’s „Cantaloupe Island“ und all den anderen Stücken bewundern und ihn begleiten, wenn er sich aufmacht, um das Thema der jeweiligen Komposition wieder einzufangen, mit feingliedrigem, nicht selten fragilem Spiel seine Pirouetten dreht in Gefilden, von deren Existenz man bislang noch gar nicht wusste.

Wenn es bisweilen den Anschein hat, als zöge sich Copland völlig in sich zurück und betriebe kompromisslose Innenschau, hat dieser Abend etwas Magisches. Die zwei Stunden stecken voller Überraschungen. Manche Abläufe kann man nicht erklären, vorhersehen schon gar nicht, manches geschieht wie von Zauberhand. Hier treffen erhabene Schönheit, Spiritualität, eine ungeheure Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten und formvollendete Technik aufeinander. Copland ist voller Hingabe an die improvisierte Musik und geht vollkommen in ihr auf. Das strengt an. Nach jedem Stück ist er sichtlich erschöpft und muss sich vor dem nächsten immer wieder zuerst einmal kurz sammeln.

Er wird kongenial unterstützt von Drew Gress am Kontrabass und Jeff Williams am Schlagzeug. Auch diese beiden sind ein Glücksfall. Zurecht umarmt er sie nach dem Konzert und bedankt sich bei beiden für deren exquisite Unterstützung. In der Tat, dieses Konzert wird sicherlich in die Birdland-Annalen eingehen, und wer sich im Vorfeld ein Ticket besorgt hatte, um diesem Ereignis beizuwohnen, den kann man im Nachhinein zu dieser Entscheidung nur beglückwünschen.